Psychotherapie

Ein befreundeter Psychologe hatte ihn schon ausgemustert. Er stand im Treppenaufgang und wartete auf seine Entsorgung. Er, ein altgedienter Patientenstuhl und wichtiges Requisit bei der Gesprächstherapie.

Auf ihn saßen wohl viele hunderte Menschen, Frauen und Männer mit ihrem Seelenleid und ihren Sorgen. Irgendwie schien er mir so viel sagen zu wollen. Er war die Werkbank psychischer Bewusstseins- und Erkenntnisarbeit. Auf ihm wurde gesessen, gelitten, gehofft, sich gefreut, geweint, Schmerz und Glück erfahren. Und das sah man ihm auch an. Und nun sollte er, der Zeuge all so vieler Lebensgeschichten, zum Müll und dann zur Verbrennung?

Als ich ihn so da stehen sah, war mir sofort klar, dass ich den in die Jahre gekommenen Stuhl mit all seiner emotionalen Patina zu portraitieren bzw. seine Einzigartigkeit zu dokumentieren hatte.

Nach einer kurzen Rücksprache mit seinem Besitzer fuhr ich das charismatische Möbelstück in mein Studio. Ich überlegte längere Zeit, wie ich ihn sinnvoller Weise am besten fotografiere. Meine Gedanken hierzu würden viele Seiten füllen. Verkürzt sei gesagt, dass er nicht auf einer Startbahn eines benachbarten ehemaligen englischen Militärflughafens landete, sondern ich mich dazu entschied, ihn ganz einfach und klassisch zu fotografieren.

Ein Tränentuch – wie es auch oft Verwendung findet – ergänzt die schlichte Komposition. Das Licht weich und dennoch hart. Nicht wie bei einem Polizeiverhör, eher wie bei einem Statement, ein Prozesspartner hin ins Licht. Hin zu Erkenntnis und Stabilität. Eine Stütze eben, ein Halt in unsicherer Zeit.

Fotografien